Ponymomente - Momente für dich

Der alternative Weg mit Pferden

Und dann hat es CLICK gemacht…

Über die Positive Verstärkung und wie sie uns verändert hat

Ich möchte euch mitnehmen an einen warmen Frühlingstag vor fast drei Jahren. Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel, die Vögel zwitschern, ich bin guter Dinge. Der perfekte Tag, um etwas Freiarbeit mit meinem Pferd zu machen. Denke ich. Scarlet sieht das anders. Für sie ist es der perfekte Tag, um sich am Rand des Reitplatzes, im Schatten der Bäume, einen guten Platz zu suchen, um an Gräsern, Büschen und Ästen zu knabbern. Keine Spur von Interesse, mit mir gemeinsam an irgendetwas zu arbeiten. Ich spüre Ärger und Enttäuschung in mir aufsteigen und beginne mit dem so genannten „Join-up“. So ganz richtig fühlt sich das zwar nicht an und ich habe irgendwie ein mulmiges Gefühl im Bauch, aber als langjährige Natural Horsemanship-Anhängerin habe ich es eben so gelernt und weiß auch nicht, wie ich anders handeln könnte. Schließlich möchte ich ja, dass sich mein Pferd mir anschließt und dazu muss ich eben demonstrieren, dass ich ranghöher bin, dass ich das Leittier bin, muss Dominanz ausstrahlen und Respekt einfordern. Oder?

Kann der Mensch ein Leittier sein?

Heute weiß ich: NEIN, muss ich nicht. Und eigentlich sollte die Frage nicht lauten, ob ich ein Leittier sein muss, sondern ob ich überhaupt ein Leittier sein KANN. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien (hier zum Nachlesen) lassen darauf schließen, dass eben dies NICHT möglich ist. Zum einen deshalb, weil die Rangfolge in einer Pferdeherde längst nicht so starr festgelegt ist, wie lange Zeit angenommen wurde, sondern von Situation zu Situation variieren kann und beeinflusst wird von äußeren Ressourcen (Menge an Futterplätze, Wasser, Schlafplätze, etc.) und Freundschaften zwischen Pferden. Zum anderen aufgrund der simplen Tatsache, dass ich kein Leitpferd sein kann, wenn ich nicht einmal ein Pferd bin. Rangfolge zwischen verschiedenen Spezies ist schlicht und einfach nicht möglich. Und selbst wenn, was wäre ich für ein komisches Leittier, das sich von 24 Stunden am Tag 23 nicht bei seiner Herde aufhält? Ich glaube kaum, dass mich irgendein Pferd auf dieser Welt als Leittier anerkennen würde. Erteile ich also nonstop irgendwelche Befehle, wirke ich auf mein Pferd nicht wie ein starkes, souveränes Leittier, sondern wie ein nerviger Kontrollfreak, der immer seinen Kopf durchsetzen möchte, nicht bereit ist zuzuhören und dazu noch aussieht wie ein Raubtier. Nicht sehr vertrauenerweckend, oder?

Ich möchte für mein Pferd vor allem eines sein: Ein Freund, mit dem es gerne Zeit verbringt. (Foto: Irmi Roth)

Positive Verstärkung statt Dominanz

Aber zurück an jenen besagten Tag vor fast drei Jahren, an dem Scarlet mir die Augen öffnete, indem sie mir ziemlich deutlich den Mittelhuf zeigte.  Anstatt sich mir anzuschließen, zerriss sie kurzerhand die Zäune des Reitplatzes und galoppierte wie verrückt zurück zum Stall. Es folgte eine harte Zeit, in der ich viele Tränen vergoss und noch mehr gut gemeinte Ratschläge erhielt. Von „Nimm sie zurück ans Seil und kläre da, wer der Boss ist“ bis „Setz den Zaun vorübergehend unter Strom, damit sie merkt, dass es keinen Ausweg gibt“ war alles dabei. Und nichts davon fühlte sich richtig an. Alles, woran ich geglaubt hatte, wurde auf den Kopf gestellt, ich konnte nicht mehr an den Methoden des Natural Horsemanship festhalten, da sie offensichtlich nicht das halten, was sie versprechen und was ich mir immer gewünscht hatte: Ein Pferd, das gerne und freiwillig mit mir arbeitet, nicht, weil es sich dazu gezwungen fühlt. Die gute Beziehung, die ich glaubte zu meinem Pferd zu haben, erwies sich als gar nicht so gut. Also begann ich nach Alternativen zu suchen. Ich verschlang Internetbeiträge, Bücher und DVDs und stieß schließlich auf die Positive Verstärkung und das Clickertraining. Und damit sollte sich alles verändern, am meisten ich mich selbst.

Positive Verstärkung ist mehr, als Clicker und Leckerchen zu verwenden.

Nachdem ich das Gefühl hatte, genug Bücher gelesen und DVDs angesehen zu haben und alles wichtige über das Clickertraining zu wissen, wagte ich mich an die ersten Versuche am Pferd. Konditionierung auf den Clicker, Höflichkeitstraining und erste Spiele mit einem Target. Und es war genial. Nachdem Scarlet begriffen hatte, dass sie Leckerchen bekommt UND sogar aktiv durch ihr Handeln dazu beitragen kann, wann sie sie bekommt, war sie so motiviert und eifrig wie noch nie zuvor und wich mir nicht mehr von der Seite. Alles schien plötzlich zu funktionieren. Ohne Druck, ohne Zwang, es fühlte sich leicht und gut und traumhaft an.  Ich schwebte im siebten Himmel.

Das Spielen mit einem Target-Stick führt bei den meisten Pferden zu viel Freude und Motivation.

Bis zu dem Tag, an dem Scarlet irgendwann entschied, dass sie genug  Leckerchen hatte, sich umdrehte und wegging. Da stand ich, ratlos. Was macht man, wenn das Pferd Nein sagt und man keinen Druck anwenden möchte, um es doch zu einem Ja zu bewegen? Richtig, man kann gar nichts machen. Es ist sehr verführerisch, an diesem Punkt zur Gerte zurückzugreifen, sich zu denken: Ein bisschen Druck, ein bisschen nachhelfen, das wird doch erlaubt sein? Das war der Punkt, an dem ich begriff: Positive Verstärkung ist mehr, als einen Clicker und Leckerli zu verwenden.  Bis dahin war es leicht, auf Druck zu verzichten. Es funktionierte ja alles einwandfrei. Aber jetzt war der Punkt gekommen, an dem ich mich wirklich FÜR oder GEGEN die Positive Verstärkung entscheiden musste. Im Nachhinein kann ich sagen: Entscheidet man sich in dieser Situation dafür, jetzt und auch in Zukunft keinen Druck anzuwenden und das Nein des Pferdes zu akzeptieren, hat man eines der wohl größten Geschenke, die die Positive Verstärkung für einen bereithält, angenommen: Das Geschenk, ein ehrliches, authentisches, ungezwungenes JA des Pferdes zu bekommen zu können.

Positive Verstärkung bedeutet vor allem eines: Arbeit an sich selbst.

Bevor es soweit ist, musste ich allerdings noch einige „NEIN“ des Pferdes einstecken. Ich machte die Erfahrung, dass vor allem Pferde, die lange Zeit mit Negativer Verstärkung gearbeitet wurden, und, um es sehr drastisch auszurücken, „mundtot“ gemacht wurden, wie meine Scarlet, sich immer wieder vergewissern wollen, dass sie auch wirklich „Nein“ sagen dürfen. Für mich bedeutete das vor allem eines: Arbeit an mir selbst. Es bedeutete, viele meiner alten Glaubenssätze zu überdenken und durch neue zu ersetzen. Solche Glaubenssätze waren zum Beispiel:

Das Pferd muss immer tun, was ich sage.

Ich muss mich immer durchsetzen.

Ich muss immer die Kontrolle behalten.

Wenn ich meinem Pferd einmal erlaube, „Nein“ zu sagen, wird es immer „Nein“ sagen.

Ich muss ein Leittier imitieren.

Mein Pferd will mich verarschen.

 usw.

Für mich war und ist es teilweise immer noch schwierig, nicht in diese alten Denkmuster zurückzufallen und mir stattdessen bewusst zu machen: Das Pferd muss im Grunde NICHTS. Außer vielleicht alle acht Wochen zur Hufpflege und sich bei Bedarf tierärztlich behandeln lassen. Alles andere, was ich von meinem Pferd einfordere, dient meinem persönlichen Vergnügen. Es sind Geschenke meines Pferdes, die ich dankbar annehmen darf, aber nicht mehr erzwingen möchte. Wenn es etwas nicht machen möchte, dann hat es seine guten Gründe, es genau jetzt nicht zu tun. Vielleicht hat es jetzt in diesem Moment keine Lust dazu, genauso wie wir Menschen manchmal keine Lust haben, z.B. ins Kino zu gehen. Vielleicht ist etwas anderes gerade wichtiger oder interessanter. Vielleicht möchte es, kann die gestellte Forderung jedoch aus körperlichen Gründen nicht ausführen. Es bedeutet NICHT, dass das Pferd faul, stur oder bösartig ist. Und es bedeutet NICHT, dass es mich nicht liebhat. Das war der wohl schwierigste Prozess für mich: Es nicht persönlich zu nehmen, wenn das Pferd gerade keine Lust hat, mit mir zu arbeiten.  Ich fühlte mich dann oft traurig, verletzt, zurückgewiesen. Und es ist ok, sich so zu fühlen. Wichtig ist, sich von diesen Gefühlen nicht leiten zu lassen und dem Pferd trotzdem die Möglichkeit zu lassen, „Nein“ zu sagen. Und immer öfter erlebe ich Momente, in denen es sich gar nicht mehr schwer oder einschränkend anfühlt, das „Nein“ meines Pferdes zuzulassen, sondern wie eine große Erleichterung. Ich muss nicht mehr mit ihr kämpfen, muss nicht meinen Willen durchsetzen, muss nicht gegen sie arbeiten.

Freiheit. Das ist es, was ich in solchen Momenten fühle.

Dialog statt Monolog, Zuhören statt Reden – das ist mein Bestreben. (Foto: Lydia Rinner)

Dialog statt Monolog

Das bedeutet übrigens nicht, dass mein Pferd alles machen darf. Es bedeutet, dass es Vorschläge von mir ablehnen kann, „Nein“ dazu sagen kann. Und dass es eigene Vorschläge machen darf, auf die ich dann mit „Ja“ oder „Nein“ antworten kann. Es bedeutet, dass ich nicht pausenlos auf mein Pferd einrede und sage: Mach das, mach jenes, mach das nicht“, sondern dass auch mein Pferd zu Wort kommt. Dass wir einen DIALOG anstatt einem Monolog führen. Ich bezeichne es auch gerne als das (Wieder)Herstellen von Gleichberechtigung, die in vielen Beziehungen, in denen das Pferd immer gezwungen wird, „Ja“ zu sagen, verloren gegangen ist. Mein Pferd darf „Nein“ sagen, ich darf „Nein“ sagen. Und wir dürfen beide wirklich, echt, aus vollem Herzen „Ja“ sagen, in dem Wissen, dass auch ein „Nein“ akzeptiert werden würde.

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.

Dieses Zitat von Jean-Jaques Rousseau trifft es meiner Meinung nach sehr gut. Soweit es die äußeren Umstände und die jeweilige Situation zulässt (und JA, es gibt auch Situationen, in denen es der Sicherheit wegen einfach nötig ist, ein „JA“ einzufordern, aber das sind Ausnahmesituationen), lasse ich meinem Pferd die Freiheit, nicht zu tun, was es nicht tun möchte.

Ein steiniger Weg, der es wert ist, gegangen zu werden.

Das klingt nach einer Menge Veränderungen, die vor allem in MIR stattgefunden haben. Und das war es erstmal auch. Ich bin vom Wesen her eine unheimlich emotionale, impulsive und ungeduldige Person, der er schwer fällt, ihre Gefühle zu kontrollieren und sie nicht über mein Handeln bestimmen zu lassen. Manchmal könnte ich immer noch einfach losschreien und heulen, wenn Scarlet wieder einmal schlicht „Nein“ sagt und manchmal frage ich mich auch, ob es das alles wert ist. Es war und ist noch immer ein weiter und nicht immer einfacher Weg, ABER er ist es sowas von wert gegangen zu werden. Ich habe ein Pferd, das laut wiehert, wenn ich in den Stall komme. Das mir beim Ausmisten nicht von der Seite weicht und sehnsüchtig darauf wartet, dass ich endlich Zeit für sie habe. Das zufrieden brummelt, wenn es weiß, dass es eine Lektion gut gemacht hat und gleich das Marker-Wort ertönt. Sie ist motivierter und hat mehr Freude an gemeinsamen Bewegungen – am Anfang vielleicht der Leckerchen wegen, aber immer öfter spüre ich, dass sie sich bewegt, weil sie sich bewegen WILL, weil es sich gut für sie anfühlt.  Sie ist stolzer und selbstbewusster. Sie bringt eigene Vorschläge mit ein, ist kreativer und probiert sich mehr aus.

Stolz und selbstbewusst durch Positive Verstärkung. (Foto: Irmi Roth)

Aber nicht nur deshalb bin ich froh, die Positive Verstärkung für uns entdeckt zu haben und den Weg auf mich genommen zu haben. Ich bin auch meinetwegen froh. Weil ich mich dadurch persönlich weiter entwickelt habe und immer noch tue und Dinge über mich selbst und über meine Umwelt gelernt habe, die mir auch im Alltag abseits der Pferde so viel weiterhelfen. Um es ganz drastisch zu formulieren: Ich würde sagen, sie hat einen besseren Menschen aus mir gemacht und ich bin unendlich neugierig, wohin uns der Weg noch führen wird.

2 Kommentare

  1. Das hört sich alles sehr gut an 😊 ich stehe auch gerade am Anfang dieses Weges.
    Mir ist aber noch einiges unklar. Wie sagst Du Deinem Pferd „Nein“ , wenn Du etwas nicht möchtest mit positiver Verstärkung?
    Liebe Grüße Katja

    • Hallo Katja,
      vielen Dank für dein Kommentar 🙂
      Der erste Weg ist natürlich immer die Ursachenforschung, also warum zeigt mein Pferd dieses Verhalten, das ich nicht möchte, gerade? Ist es gestresst oder unsicher? Meine Maus zeigt z.B. sehr oft den spanischen Schritt, wenn sie eine meiner Fragen nicht versteht, unsicher oder frustriert ist (wenn ich z.B. zu sparsam mit der Belohnungsrate war). Es kann auch sein, dass ich mit meiner Körpersprache oder Energie versehentlich ein falsches Signal gegeben habe. Dann heißt es, die Ursache zu beseitigen.
      Kann ich keine Ursache ausmachen, ignoriere ich das Verhalten entweder oder biete ihr eine alternative Handlung an, die ich dann verstärke.
      War das verständlich und ist deine Frage damit beantwortet?
      Ansonsten kannst du mir auch gerne jederzeit ein E-Mail schreiben!
      Liebe Grüße,
      Tina

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